Gastartikel von Dr. Florens Mayer

Was uns Umfragen über das Wahlverhalten sagen können und was nicht. Wie Parteien mit Hilfe von Umfragen ihre Wahlkampagne vorbereiten können. Und was die CDU Baden-Württemberg für ihren Wahlkampf beachten sollte.

Vorhersagen gibt es nur beim Wetter

So verlockend es für den einen oder anderen wäre: Das Wahlverhalten der Wahlberechtigten schon Wochen oder gar Monate vor dem Wahltermin vorhersagen zu können, ist nicht möglich. Vorhersagen gibt es nur beim Wetter!

Mit näher rückendem Beginn des Wahlkampfs in Baden-Württemberg wird die politische Stimmung im Land zunehmend aufmerksamer beobachtet. Eine besondere Rolle kommt dabei den Meinungsforschungsinstituten zu. Schließlich ist es Aufgabe der empirischen Wahlforschung, die Wahlabsicht, aber auch Wahlmotive, Bewertungen der handelnden Politiker und Parteien oder die nach Meinung der Menschen dringlichsten Probleme im Land, messen zu können.

Bekannt ist sicherlich die sogenannte „Sonntagsfrage“: „Welche Partei würden Sie wählen, wenn bereits am kommenden Sonntag Landtagswahl in Baden-Württemberg wäre?“. Mit ihrer Hilfe ermitteln die Wahlforscher die politische Stimmung im Land und – wenn der Wahltag näher rückt – die aktuelle Wahlabsicht. Die Sonntagsfrage misst jedoch lediglich aktuelle Stimmungen und sagt nicht tatsächliches Wahlverhalten voraus. Rückschlüsse auf den Wahlausgang sind kaum möglich. Unter anderem deswegen nicht, weil sich rund jeder dritte Wähler erst in den letzten Tagen vor der Wahl oder gar erst am Wahltag endgültig festlegt.

Die meisten Institute werden daher nicht müde, auf diese Tatsache hinzuweisen. „Keine Prognose!“ Dieser Hinweis prangt beispielsweise auf den Umfragegrafiken, die die ARD vor Wahlterminen veröffentlicht. Daneben gibt es jedoch auch Firmen, die bereits Monate vor der Wahl suggerieren, mehr zu wissen als andere. Mitunter geht das so weit, dass Vorhersagen für den Wahlausgang in Wahlkreisen erstellt werden, selbst wenn dort die Kandidaten der Parteien noch gar nicht nominiert worden sind.

Ganz auf Prognosen verzichten, muss der Politikinteressierte jedoch nicht. Um 18 Uhr am Wahlsonntag, wenn die Wahllokale geschlossen sind und noch keine einzige Stimme ausgezählt wurde, stellen Infratest dimap und die Forschungsgruppe Wahlen ihr Können vor aller Augen unter Beweis und prognostizieren für die ARD bzw. das ZDF den Wahlausgang. Dies geschieht mit Hilfe von exit polls, also Befragungen, die während des Wahltags vor Ort vor ausgesuchten Wahllokalen erhoben werden.

Angebot und Nachfrage

Das eigene Bauchgefühl sollte bei der Wahlkampfvorbereitung eine untergeordnete Rolle spielen. Neben den Medien zählen daher auch Parteien zu den Auftraggebern der Meinungsforschungsinstitute. Denn mit einer klug vorbereiteten Meinungsumfrage können sie eine Wahlkampfkampagne planen, die auf empirisch gesicherten Erkenntnissen beruht und nichts dem Zufall überlässt.

So kann Demoskopie entscheidende Hinweise darauf liefern, welche Themen für die Bevölkerung – und insbesondere für die eigene Zielgruppe – besonders wichtig sind. Beispielsweise waren in Nordrhein-Westfalen im Mai 2017, kurz vor der Landtagswahl, 63 Prozent der Befragten mit den Anstrengungen der rot-grünen Landesregierung bei der Bekämpfung von Kriminalität und Terror unzufrieden. Gleichzeitig waren 48 Prozent der Befragten der Meinung, die CDU wäre künftig am ehesten in der Lage, Kriminalität und Terror in NRW zu bekämpfen [1]. Die Union an Rhein und Ruhr konnte zudem mit Wolfgang Bosbach einen profilierten und anerkannten Sicherheitspolitiker als Berater für innere Sicherheit gewinnen und so das Politikfeld Innere Sicherheit authentisch besetzen.

In Schleswig-Holstein konnte die CDU besonders auf dem Gebiet der Infrastruktur punkten. Eine Woche vor der Landtagswahl gaben mehr als sieben von zehn Befragten an, mit der Bilanz der SPD-geführten Regierung beim Bau und der Sanierung von Straßen und Brücken unzufrieden zu sein. Der CDU trauten sie hingegen zu, die Infrastrukturprobleme in den Griff zu bekommen. [2]

Die beiden Bespiele verdeutlichen, wie hilfreich der Einsatz demoskopischer Messinstrumente zur Planung einer Wahlkampagne sein kann. So lassen sich Themen identifizieren, die den Menschen zum einen besonders wichtig sind und deren Lösung sie zum anderen zuallererst der CDU zutrauen.

Mit Geschlossenheit zum Erfolg

Ob der Wahlkampf der CDU Baden-Württemberg erfolgreich verläuft, hängt letztendlich von drei Faktoren ab:

Geschlossenheit: Die Südwest-CDU muss geschlossen in den Wahlkampf ziehen. Nur dann wird sie in der Lage sein, die eigenen Anhänger zu mobilisieren. Das bedeutet, dass sie zu potenziell strittigen Themen innerhalb der Partei eine gemeinsame Linie entwickeln muss, von der während der Kampagne niemand abweicht.

Kampagnenfähigkeit: Die Kampagne der CDU muss zielgruppenrelevant und crossmedial organisiert werden. Das bedeutet, dass die relevanten Zielgruppen über spezifische Kanäle mit jeweils für die unterschiedlichen Gruppen relevanten Themen angesprochen werden. Die Stammwähler sollten frühzeitig zur Briefwahl angeregt werden. Ebenso ist es wichtig, die Wähler in der heißen Phase des Wahlkampfs durch Tür-zu-Tür-Aktionen und Wahlwerbebriefe direkt anzusprechen und so zu mobilisieren.

Authentizität: Damit ihnen die Wählerinnen und Wähler ihr Vertrauen schenken, müssen Politiker und Parteien glaubwürdig agieren. Dazu zählt, dass politische Forderungen weder in einem luftleeren Raum entstehen noch urplötzlich – just zu Beginn der heißen Wahlkampfphase – auf die Agenda gesetzt werden. Vielmehr sollten sie glaubwürdig und nachvollziehbar aus den Werten der Partei und den Überzeugungen der handelnden Akteure abgeleitet werden.

[1] Quelle: Infratest dimap im Auftrag des WDR | Mai 2017
[2] Quelle: Infratest dimap im Auftrag des NDR | Mai 2017

 
Dr. Florens Mayer war viele Jahre lang Prokurist bei dimap und ist heute Director bei Bernstein Analytics in Berlin.

Mehr dazu

Dieser Artikel ist der Ausgabe 2020/2 unseres Mitgliedermagazins UNION intern entnommen.

Hier finden Sie die Ausgabe zum Herunterladen

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag