17.07.2015

Schwierige Fragen über das Ende des Lebens

Forum "Sterbehilfe und Palliativmedizin" im Kolpinghaus in Stuttgart (Bild: CDU-BW)

"Sterbehilfe wollten wir mit Palliativmedizin zusammen diskutieren", so Stephan Harbarth (Bild: CDU-BW)

Widmann-Mauz (li.) nannte den "Schutz des Lebens" die oberste Maxime der Gesundheitspolitik (Bild: CDU-BW)

Die anschließende Gesprächsrunde mit den Fachexperten moderierte Sabine Kurtz (links, Bild: CDU-BW)


Die CDU Baden-Württemberg hat in einem Gesprächsforum über die Themen Sterbehilfe und Palliativmedizin diskutiert. Anlass für das Forum sind die derzeit vom Deutschen Bundestag zu beratenden Gesetzentwürfe zur Sterbehilfe. "Die Sterbehilfe wollten wir bewusst auch mit der Sterbebegleitung und der Palliativmedizin diskutieren", erklärte der Initiator des Gesprächsforums, Stephan Harbarth.

Wie komplex die Themen sind und wie weit dabei die Meinungen in den Einzelfragen auseinander gehen, zeigte der Gesprächsabend der CDU Baden-Württemberg im Kolpinghaus in Stuttgart.

"Die Debatte über den Umgang mit der Beihilfe zur Selbsttötung ist brisant und sensibel", so der CDU-Landeschef Thomas Strobl. Jeder Mensch wünsche sich einen schnellen Tod, habe Angst vor Schmerz, Einsamkeit, Abhängigkeit sowie Verlust der Würde und davor, anderen Menschen zur Last zu fallen. Die Neuregelung der Sterbehilfe im Bundestag sei eine Gewissensentscheidung, die jeder Abgeordnete für sich treffen müsse. "Menschen sollten nicht durch die Hand, sondern an der Hand eines anderen Menschen sterben", so Strobls Meinung.

Der Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Guido Wolf, begrüßte die Diskussion der CDU Baden-Württemberg über den Umgang mit der Beihilfe zur Selbsttötung. Ihm liege dieses Thema "sehr am Herzen", so Wolf. Besonders gefallen habe ihm die Aussage der Ärztlichen Direktorin der Klinik für Palliativmedizin an der Universität Freiburg, Gerhild Becker, dass wir "beherzt dem Leiden begegnen können". Er begrüßte auch die Forderungen nach einem weiteren Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung in Baden-Württemberg und versprach sich im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür einzusetzen.

Der Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz, Stephan Harbarth, erläuterte die derzeitige Rechtslage und die vorgelegten Gesetzentwürfe im Bundestag. Alle vier zugelassenen Gesetzentwürfe sehen ein Verbot der Tötung auf Verlangen, der aktiven Sterbehilfe, vor. Vor diesem Hintergrund geht es bei der Neuregelung - vereinfacht ausgedrückt - um die Ausgestaltung und Zulässigkeit der Beihilfe zur Selbsttötung. Gleichzeitig sprechen sich alle Fraktionen für einen weiteren Ausbau der Palliativversorgung in Deutschland aus, so Harbarth.

Die Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Annette Widmann-Mauz, nannte den "Schutz des Lebens" die oberste Maxime der Gesundheitspolitik in Deutschland. Bei der Palliativmedizin gehe es um die Linderung von Schmerzen, gerade bei unheilbaren Krankheiten. Sterbehilfe sei im besten Wortsinn "die Hilfe im Sterben" und nicht "die Hilfe zum Sterben". Widmann-Mauz betonte, dass das Bundesgesundheitsministerium seit Jahren für ein flächendeckendes Angebot der Hospiz- und Palliativversorgung eintrete und dazu den Entwurf eines Hospiz- und Palliativgesetzes (HPG) für die parlamentarische Beratung eingebracht habe.

Die anschließende Gesprächsrunde mit den Fachexperten moderierte die Landesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises Sabine Kurtz. Die stellvertretende Vorsitzende des Hospiz- und PalliativVerbandes Baden-Württemberg, Susanne Kränzle, begrüßte den vorgelegten Gesetzentwurf zum HPG und sprach sich für einen weiteren Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung in der Fläche aus: "Wir sind bereits auf einem guten Weg, können aber noch besser werden", so Kränzle. Sie wünsche sich ferner eine bessere Versorgung in Alten- und Pflegeheimen. Von der CDU erhoffe sie sich eine Debatte über die Menschenwürde.

Der Abteilungsleiter für Theologie und Bildung beim Diakonischen Werk Württemberg, Pfarrer Joachim Rückle, ging der Frage nach, was menschliches Leben ausmache. Auch menschliches Leid sei sehr wohl sinnvoll, wie das Sterben Jesu Christi gezeigt habe, so Rückle. Ein Problem unserer Gesellschaft sei die Tatsache, dass der Tod und das Sterben nicht Teil unseres Alltags seien. Viele Kinder und auch viele Erwachsene hätten noch nie in ihrem Leben einen toten oder sterbenden Menschen gesehen, so Rückle. Sein Kollege von der Katholischen Kirche, Pfarrer Gerhard Neudecker, stellte fest, dass Sterben ein Teil des Lebens sei und Sterbehilfe daher mit dem Leben beginne. Die Neuregelung der Sterbehilfe sei mehr eine ethische, als eine religiöse Frage, so Neudecker.

Der Ordinarius für Öffentliches Recht an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Ekkehart Reimer, stellte die unterschiedliche Betrachtung von Straf- und Verfassungsrechtlern bei der Beihilfe zur Selbsttötung dar. Für fast alle Grundrechte gebe es eine positive und eine negative Ausprägung. Was bedeute aber eine negative Ausprägung des "Rechts auf Leben", fragte Reimer. "Darf ein Mensch für sich die Entscheidung treffen, dass er nicht leben möchte?"

Der Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Eberhard Karls Universität Tübingen, Urban Wiesing, findet sich am ehesten im Gesetzentwurf von Peter Hintze wieder. Wiesing sprach sich dafür aus, dass es Ärzten künftig erlaubt sein solle, Patienten bei der Selbsttötung unter ganz engen Voraussetzungen zu helfen. Er sprach sich damit für eine Liberalisierung und gegen eine Verschärfung des bestehenden Rechts aus.

Die Ärztliche Direktorin der Klinik für Palliativmedizin an der Universität Freiburg, Gerhild Becker, nannte ein nichtleidendes Leben eine Illusion. "Wir sollten beherzt dem Leiden begegnen", forderte sie. Sie nannte drei Gründe, warum Menschen in der letzten Leidensphase ihr Leben gerne beenden wollen: die Angst vor Autonomieverlust, die Angst vor Schmerzen und die Angst, den Angehörigen zur Last zu fallen. Becker hält es für einen falschen Schluss, wenn auf die Aussage, dass "es jemand nicht mehr aushält", mit der "Todesspritze" reagiert werde. Vielen Menschen wäre mit einer "Schmerzspritze" mehr geholfen. "Ein gutes Sterben dauert ein Leben lang", stellte Becker fest. Und bis zum Sterben dürften wir alle beherzt und froh leben.

 

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