30.04.2013

Interview mit der FAZ: "Der Familie gegenüber ist man befangen"

CDU-Landeschef Thomas Strobl (Bild: Laurence Chaperon)


"Thomas Strobl über Schwiegervater Wolfgang Schäuble, Mittagessen bis 17 Uhr und die normale Homo-Ehe" - Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Warum sind Sie Berufspolitiker geworden, Herr Strobl?

Als ich Schüler war, haben die Jungsozialisten an meiner Schule den Anspruch erhoben, die Welt allein zu erklären. Das wollte ich mir nicht gefallen lassen. Deswegen habe ich mich mit Mitschülerinnen und Mitschülern politisch engagiert, und so hat sich das entwickelt, ausgehend von der Kommunalpolitik, in der ich übrigens heute noch aktiv bin.

Ihr Schwiegervater ist Wolfgang Schäuble, einer der bekanntesten deutschen Politiker. Ist er für Sie zuerst der Schwiegerpapa oder der Bundesfinanzminister?

Weder noch. Es ist zunächst der Mensch Wolfgang Schäuble, dem ich in unterschiedlichen Rollen begegne. Mal in der Familie und mal als Politiker.

Sie sind Stellvertreter von Angela Merkel im CDU-Vorsitz und Landesvorsitzender der baden-württembergischen CDU. In diesen Funktionen sind Sie jeweils eine Art Vorgesetzter Ihres Schwiegervaters. Ist das nicht komisch?

Nein. Es gab allerdings einmal eine Situation, die problematisch hätte werden können. Ich war lange ein leidenschaftlicher Innenpolitiker. Als Wolfgang Schäuble Innenminister wurde, habe ich sofort beschlossen, den Innenausschuss des Bundestags zu verlassen. Denn der Ausschuss kontrolliert auch den Innenminister. Ich hätte den Minister weder unbefangen kritisieren noch loben können. Denn man ist niemals so befangen wie gegenüber einem Mitglied der eigenen Familie.

Ihre Art zu sprechen erinnert an Wolfgang Schäuble. Ist das nur Zufall oder hat er Sie beeinflusst?

Wir kommen beide aus dem Südwesten, allerdings ist er Badener.

Das ist ein großer Unterschied zu einem Schwaben.

Ohne Frage. Eigentlich sind wir in meiner Heimatstadt Heilbronn schwäbisch angehauchte Franken. Ich bin aber mit einer Südbadenerin verheiratet. Die badische Art zu leben, habe ich so seit Jahren schätzen gelernt.

Da geht es lebensfroher zu als in Schwaben.

Genau. Selbst ein sonntägliches Mittagessen ist in einer schwäbischen Familie nach einer guten Stunde beendet. Mit dem südbadischen Teil der Familie habe ich schon mal Mittagessen erlebt, bei denen wir um 17 Uhr noch nicht fertig waren.

Wie ist es, wenn Sie mit Ihrem Schwiegervater politisch streiten?

Zu Hause geht es zuweilen munter zu. Die Schäubles haben vier Kinder, da gibt es viele verschiedene Sichtweisen. Es kommt vor, dass Wolfgang Schäuble und ich unterschiedliche Ansichten haben. In vielen Dingen denken wir aber ähnlich.

Als Sie sich um Ihre Frau Christine bemühten, war man im Hause Schäuble skeptisch: Noch ein Berufspolitiker in der Familie!

Das wurde mir auch so berichtet. Ich kann gut verstehen, dass meine Schwiegermutter keine Sehnsucht danach hatte, noch einen evangelischen Juristen, der sich in der Politik herumtreibt, in der Familie zu haben. Sie hätte sich wahrscheinlich eher einen adligen englischen Künstler gewünscht.

Ihre Frau hat Karriere bei der ARD gemacht und ist Leiterin der Degeto-Film, ihr Büro ist in Frankfurt. Sie sind als Bundestagsabgeordneter oft in Berlin. Wie oft sehen Sie sich eigentlich?

Unser gemeinsamer Lebensmittelpunkt ist Heilbronn, Wir haben vor einigen Jahren festgestellt, dass wir uns organisieren müssen. Alle paar Wochen sitzen wir wie zwei Beamte zusammen, schlagen die Terminkalender auf und schauen, wo es Schnittmengen an Freizeit gibt. Das klingt furchtbar. Aber es hat seine Vorteile, wenn man die gemeinsame Zeit bewusst miteinander erlebt. Man streitet sich auch weniger über Dinge, über die es sich eigentlich nicht lohnt zu streiten. Ich habe zuweilen sogar den Eindruck, dass unser Zusammensein noch etwas besser funktioniert, als es vorher schon der Fall war.

Wir fragen dann noch mal bei Ihrer Frau nach.

Ich gebe es gleich zu: Dass sich an unseren Plänen, die Wochen im Voraus gemacht wurden, mal kurzfristig etwas ändern kann, ist für meine Frau natürlich nicht erfreulich.

Passen in das Leben eines Spitzenpolitikers und seines beruflich engagierten Partners noch Kinder?

Wir haben leider keine Kinder, deshalb bin ich nicht wirklich geeignet, eine Antwort zu geben. Aber natürlich kenne ich eine ganze Reihe Kollegen mit Kindern. Zumindest wird man Kompromisse schließen müssen. Ich selbst habe eigentlich jeden Abend Termine, bin oft erst um Mitternacht zu Hause. Auch Samstag und Sonntag sind Arbeitstage, weil im Wahlkreis Termine warten. An privaten Treffen nehme ich oft nur als virtuelles Wesen teil. Das ist der Preis, den der Berufspolitiker zahlt.

Sie sind Mitglied in einer farbentragenden, schlagenden Studentenverbindung, haben einen Schmiss und galten lange als konservativ. In der CDU machen Sie in letzter Zeit mit liberalen und sogar eher grünen Positionen von sich reden. Haben sich Ihre politischen Einstellungen gewandelt?

Als Christdemokraten und als Konservative haben wir keine dogmatischen Ansichten, erst recht keine Ideologie. Der Konservative betrachtet die Welt, wie sie ist. Und wenn sie sich weiterentwickelt, dann tut er das auch.

Geht es konkreter?

Klar. In Fragen der inneren Sicherheit vertrete ich relativ strikte Positionen. Beim Umweltschutz und manchen gesellschaftspolitischen Themen gehöre ich dagegen seit langem zum modernen Flügel der CDU.

Also gar kein Wandel?

Meine Grundüberzeugungen haben sich nicht gewandelt. Aber jeder Mensch, auch ich, entwickelt sich weiter. Das muss so sein. Manches Handeln ist in der Zeit, in der es geschieht, richtig, erweist sich aber in der Rückschau als Fehler.

Welche Fehler haben Sie gemacht?

Der konservative Politiker ist insofern demütig, als er von der Fehlbarkeit des Menschen ausgeht. Insofern sollte er eine gewisse Distanz auch gegenüber der Technik haben. Ich war in dieser Hinsicht wohl zu gutgläubig. Die Atomstromerzeugung ist von Menschen gemacht und damit fehlerhaft. Da ist uns die kritische Distanz verlorengegangen. Aus heutiger Sicht, besonders nach dem Atomunfall in Japan, war das ein Fehler.

In Deutschland sterben jeden Tag zehn Menschen im Straßenverkehr. Sind wir im Umgang mit dem Auto nicht auch zu technikgläubig?

Ich komme aus Baden-Württemberg, einem Bundesland mit sehr großer Nähe zum Automobil. Ich gehöre zudem einer Generation an, für die das Auto mit dem Gefühl von Freiheit verbunden ist. Mit 18 Jahren den Führerschein zu machen und nach Lust und Laune andere Länder bereisen zu können, das war etwas ganz Besonderes. Aber auch im Umgang mit dem Auto sollten wir nicht in eine unkritische Technik- und Fortschrittsgläubigkeit verfallen.

Wie wichtig ist Ihnen denn heute das Auto?

Je älter ich werde, desto mehr bewege ich mich mit dem Fahrrad. In meiner Heimatstadt Heilbronn erledige ich fast alle beruflichen Termine mit dem Rad. Das hat auch einen sehr praktischen Grund: Ich bin immer schneller als mit dem Auto.

Und bei Regen?

Na ja, wenn es schon beim Losfahren schüttet und ich Gefahr laufe, während der Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes an einen verdienten Mitbürger eine Pfütze im Saal zu hinterlassen, dann nehme ich das Auto.

Sind wir mit unseren vielen Autos also in eine Sackgasse gefahren, in der wir feststecken?

Das Auto ist eine riesige Erfolgsgeschichte. Ebenso wahr ist: In Deutschland droht das Auto am eigenen Erfolg zu ersticken. Das können wir in den Großstädten täglich besichtigen. Die Mobilität im ländlichen Raum ist allerdings ohne Auto nicht möglich. Und weltweit wird das Auto eine Erfolgsnummer für die nächsten Jahrzehnte bleiben.

Sie treten für die Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften mit der Ehe ein. Das gilt auch nicht als besonders konservativ.

Der Konservative findet es gut, wenn zwei Menschen sich dauerhaft binden und für ein ganzes Leben Verantwortung füreinander übernehmen. Dadurch wird unsere Welt stabiler und sicherer. Da kann es keine Rolle spielen, ob das ein Mann und eine Frau, zwei Frauen oder zwei Männer sind.

Verstehen Sie diejenigen, die dadurch die traditionelle Ehe und Familie in Gefahr sehen?

Natürlich habe ich Verständnis für eine andere Auffassung. Diejenigen, die anders denken, sind ja keine Idioten. Das sage ich schon aus Selbstschutz, denn ich habe selbst noch vor einigen Jahren gegen die Homo-Ehe argumentiert. Aber ich kann einfach nicht verstehen, wieso die klassische Ehe benachteiligt sein soll, nur weil die gleichgeschlechtliche Partnerschaft steuerlich gleichberechtigt wird.

Wie erklären Sie den Alten Herren in Ihrer Studentenverbindung Ihre Haltung?

Die Frage trifft den Kern. Das Ganze hat auch mit dem Alter zu tun und auch mit dem Geschlecht. Ältere Männer tun sich eher schwer mit der Gleichstellung von Ehe und homosexuellen Partnerschaften. Frauen sind viel aufgeschlossener, junge Menschen sowieso.

Kommen wir noch mal zu Ihrem Schwiegervater. Der ist ja auch kein ganz junger Mann mehr. Aber er vertritt bei diesem Thema eine ähnliche Position wie Sie. Haben Sie ihn überzeugen können?

Das möchte ich nicht für mich in Anspruch nehmen. Wir haben allerdings sehr intensiv über diese Frage diskutiert. Ich finde es im Übrigen sensationell, mit welcher Klugheit Wolfgang Schäuble in der Lage ist, Positionen der CDU zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Da beeindruckt er mich.

Mit dem Landesvorsitzenden der baden-württembergischen CDU und stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden sprachen Eckart Lohse und Markus Wehner.

(c) Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21. April 2013

 

KAMPAGNEN & AKTIONEN

Aktuell auf CDU.TV